Auf dem Jakobsweg von Tschiertschen nach Chur

Bericht vom Samstagspilgern am 4. September 2021

Kein Samstagspilgern wie sonst! Eines mit vielen Fragen und eindrücklichen Antworten.

Die Fragen stellte Curdin Foppa, Agronom aus Felsberg. Antworten erfolgten durch ihn oder dann im Gespräch der am Samstag Pilgernden.

«Landflucht» hat sich Curdin Foppa zum Wegthema von Tschiertschen nach Chur gesetzt. «Landflucht» wurde durch die Erläuterung des Wanderleiters auf Schritt und Tritt sichtbar.

Fragen und noch einmal Fragen

Welche Folgen für die Dörfer hat der Umzug vom Land in die Stadt? Was bringt es mit sich, wenn junge Leute wegziehen und mit ihnen alles aktuelle Berufswissen? Was bringt der Bevölkerungsverlust für die Behördenarbeit in den Dörfern und für die öffentlichen Dienstleistungen mit sich? Welche Folgen hat er für die Schulen, für die Kultur und für die Erhaltung der Traditionen?

Und viel mehr das:

Was bedeutet eigentlich der Verlust des Gemeindewerkes in den Dörfern für die Nachbarn, was zieht es nach sich, wenn die Alpen nicht mehr im Gemeindewerk bestellt werden können? Wie kann das Wissen, das im Gemeindewerk mündlich weitergegeben werden konnte, erhalten bleiben, wenn private Formen die Alpen bestellen? Wie bedeutet der Verlust an landwirtschaftlichem Wissen für Fauna und Flora? Wie kann noch Ortsgebundenheit entstehen, wenn Politik, Kultur, Schule, Landwirtschaft, Dienstleistungen, alles, was zu Begegnung von Mensch zu Mensch führt, ganze Talschaften verlässt? Was bedeutet es, wenn Menschen im Rentenalter nach dem Erwerbsleben zur Gestaltung der dritten Lebenszeit in die Dörfer zurückziehen? Die

Landflucht so nicht

Ich hatte mir die Hand verbogen.
Doch waren alle Ärzte
Seit Kurzem unbekannt verzogen.
Die Hand, die aber schmerzte.

Ich musste selber sie mir renken,
sie dreh’n im Fleisch, dem rohen.
Und rief, man sollte Ärzte henken,
die aus dem Dorfe flohen.

Und so begann ich nachzuforschen.
Im Rahmen der Erhebung
sah ich nach Benzen und nach Porschen
In näherer Umgebung.

Ich wurde fündig in den Städten,
und zwar in Spielcasinos.
Ein paar auch streckten ihre Gräten
in irgendwelchen Kinos.

Ich schrie: Und wer versorgt die Schrammen
von Knechten, Mägden, Bauern!
Da zuckten alle gleich zusammen
Und äusserten Bedauern.

Andreas Kley, 2011

Fragen zu Fuss unterwegs

Die Fragen nahmen kein Ende.

Einzelne von ihnen kannte ich bereits.

Mich beeindruckte es aber sehr, die Fragen angesichts der Dörfer Tschiertschen und Praden und im Anblick der Dörfer auf der gegenüberliegenden Talseite, Malader, Calfreisen, Castiel, Lüen und St. Peter zu stellen und zu bedenken. Dorfsilhouetten, renovierte neben verlassenen Häusern, Häuser mit «zu Verkaufen» erteilten Antworten.

Der direkte Anblick der Dörfer machte betroffen und liess spüren: «Landflucht» wird ihren ungeahnten Preis noch einfordern.

Das Gespräch unterwegs machte Betroffenheit kund. Es erweiterte die Fragen nach möglichen Lösungen und nach Alternativen.

Wird die Digitalisierung des Lebens und die damit verbundene Möglichkeit des Homeoffices neue Stadtfluchten einleiten? Ist eine Rückkehr aufs Land vorstellbar? Was sind die Voraussetzungen dazu und was muss noch alles geschehen, dass auf das Land und seine Dörfer Leben wieder zurückkehrt?

Pilgern auf dem Jakobsweg zu «Landflucht»

Pilgern heisst Wandern zu einem Thema, das das Leben berührt. Das Samstagspilgern von Tschiertschen nach Chur hat tief berührt, keine schnellen Antworten gefunden und aus einem Wandertag einen Besinnungstag werden lassen.

Einmal mehr möchte ich das so festhalten: Pilgern ist «Besinnungszeit zu Fuss». Für das Samstagspilgern vom 4. September traf das im höchsten Mass zu.

Danke, Curdin Foppa!
Heiner Nidecker

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